Journalistin Andrea Müller


Ich bin Deutsche und liebe Polen




Alles begann mit einem Durchfall. Wir waren mit der Familie in Slupsk -  es war unser erster Besuch in Polen - und schon gar nicht weit von der deutschen Grenze wurde unser kleiner Sohn krank und bekam Durchfall. Wir mussten mit ihm sogar ins Krankenhaus. Leider sprach dort - vor 25 Jahren - keiner Englisch oder Deutsch, und wir leider nicht Polnisch. Schließlich fand sich eine Polin, die Deutsch sprach und alles übersetzte. Unser Sohn wurde schnell wieder gesund. Dann hatten wir gleich wieder Pech: Unser Auto ging kaputt. Bis heute erinnere ich mich an den Herrn, der unseren Wagen in die Werkstatt abschleppte. Am Meer dann hatten wir keine Zimmerreservierung. Im Sommer! Wie naiv kann man sein, mit drei Kindern ans Meer zu fahren, ohne eine Übernachtung gebucht zu haben. Es gab keine freien Zimmer, aber die Chefin einer Pension fand eine Lłsung, Sie warf alles aus einem Zimmer heraus, um dann darin Platz für fünf Betten zu haben. Und wir hatten  ein Dach über dem Kopf. Die Frau war unsere letzte Rettung! Und so weiter und so fort während drei Wochen. Ich habe nur liebe Leute getroffen - und habe mich sofort in die Polen und das Land Polen verliebt. Als ich wieder zu Hause war, fing ich an, Polnisch in der VHS Königs Wusterhausen zu lernen. Das ist ein kleiner Ort bei Berlin.


Heute - nach so vielen Jahren - meine ich, dass ich durch das verdammt schwierige Polnisch mich selbst und meine eigentliche Sprache gefunden habe, obwohl ich nicht fehlerfrei spreche. Leider, aber ich gebe mir Mühe!

Natürlich war das auch eine Begegnung mit der belasteten deutsch-polnischen Geschichte. Während des Zweiten Weltkrieges war ich noch nicht auf der Welt. Später wurde in der Familie nicht über dieses Thema gesprochen. Ich habe viel darüber in der Schule gelernt, aber ich wusste nicht, wie sehr Warschau zerstört wurde… Mehr als Dresden oder Berlin. Ich schäme mich, muss aber bekennen, dass ich das erst im vorigen Jahr in Warschau begriffen habe. Ich schaute im Museum über den Warschauer Aufstand einen Film. Sieben Minuten ohne Worte. Ein Flug über Warschau und sah nun mit eigenen Augen nur Ruinen, Ruinen, Ruinen. Ich habe in der Schule auch gelernt, dass die Deutschen in den Konzentrationslagern Millionen Menschen ermordeten. Bis zu dem Moment, in dem ich Auschwitz besuchte, war das eine Zahl. Nachher… kamen Fragen, so viele Fragen. Die Zahlen verwandelten sich in Gesichter von Menschen, die von Deutschen umgebracht worden waren. Das hat die Generation meiner Großeltern und Eltern getan. Mein Vater war gegen Ende des Krieges noch Soldat geworden. Er kämpfte - soweit ich weiß - in Frankreich. Ich erinnere mich an seine Scherze
„La Vache - die Kuh
Fermé la port - die Tür mach zu.“

Der Krieg nach dem Krieg war ein Tabu.


Nach seinem Tod fand ich in dessen Papieren einen Totenschein meiner Großmutter. Ich erfuhr, dass sie aus Potęgowo war. Meine Oma war wahrscheinlich eine Kaschubin. Kommt daher meine Sehnsucht nach Polen oder kommt sie eher von der Sprache, die mir fremd und doch so vertraut ist…irgendwo im Herzen?
Ich lerne Polnisch mit viel Freude. Als Redakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung habe ich Artikel geschrieben über Deutsche, die in Polen leben. Es gab mehrere Interviews mit Steffen Möller, dem beliebtesten Deutschen in Polen. Ich habe die Künstler vom Kabarett pod Baranami aus Krakau getroffen, um über sie für meine Zeitung zu schreiben.


Jeden Tag lese ich auf Polnisch und schaue mir polnische Filme an, treffe mich mit Freunden aus Polen, esse Polnisch, denn ich kann ohne Piroggen, Zurek und ein Zywiec-Bier nicht leben. Einmal im Monat findet in Berlin das Sprachcafé statt. Das ist ein Treffen im Restaurant Weimarer Dreieck in der Essener Straße (immer am 1. Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr), bei dem wir Polnisch sprechen. Auf YouTube führe ich einen Videokanal mit dem Titel Niemka kocha Polske (eine Deutsche liebt Polen). Da berichte ich zu deutsch-polnischen Themen und in einigen Filmen bin ich Angelika Merkle… Mehr als 222 000 Menschen haben meinen ersten Film bereits angeschaut, in dem ich meine eigene Geschichte erzähle. Zudem habe ich eine Internetseite http://www.niemka-kocha-polske.de/ - alles ist zweisprachig, ich schreibe darauf Polnisch und Deutsch. Auf Facebook bin ich genauso wie auf Twitter. Im Dezember wird mein erstes Buch "Großmamas Chopin" (Treibgut-Verlag Berlin) mit deutsch-polnischen Geschichten erscheinen, ebenfalls zweisprachig. Ich möchte den Polen sagen, dass es Deutsche gibt, die Polen seine Menschen lieben. Ich selbst bin ein Beispiel dafür. Ich bin Deutsche und liebe Polen.


Andrea Müller wurde 1961 in Thüringen geboren
Die Schule besuchte sie in Gotha und Zella-Mehlis
In Leipzig studierte sie Journalistik
Heute arbeitet sie als Journalistin für die Tageszeitung Märkische Allgemeine Zeitung
Sie hat drei Kinder



  
Andrea Müller als Frau Merkle


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